ElfLynn - Wanderin zwischen den Welten

Willkommen im Reich der GROSSEN GÖTTIN, Mutter allen Lebens, SIE, die ist, war und immer sein wird 




Phantastische und Märchenhafte erzählungen:


Die nachfolgende Geschichte habe ich als Fotobuch erstellt. 


 

Die Dunkelelfe und der Sonnenprinz

In den bewaldeten Gebirgshügeln eines Königreichs lebte einst ein Elfenvolk, das sich nach dem Licht der Wahrheit und Weisheit sehnte. Als sie erkannten, dass im Licht der Sonne Trugbilder und äußerer Schein  sich zeigten, wandten sie sich von der Sonne ab, um fort an in der Dunkelheit der Erde nach dem inneren Licht zu streben. Als Dunkelelfen kehrten sie nur nach Sonnenuntergang auf die Erdoberfläche zurück. Dort tanzten und sangen sie anmutig und schön. Vor dem ersten Sonnenstrahl stiegen sie in die dunklen Tiefen ihrer Höhlen hinab, damit kein Sonnenstrahl sie berühren sollte. Viele Jahrhunderte lebte dieses Elfenvolk im Innern der Erde und sie begannen, sich vor dem Licht der Sonne zu fürchten. Bangten, die Berührung mit dem äußeren Licht der Sonne könnte ihrem inneren Licht den Tod bringen.

Einige Dunkelelfen entwickelten Zauberstimmen mit denen sie die Macht des Wortes erlangten, dass geschehen musste, was sie aussprachen. Andere erwarben die Macht des Gesangs, sie sangen magische Zaubermelodien und schenkten sie dem Wald und seinen Bewohnern. Die schönste Stimme von allen hatte Tiria. Wenn sie ihr magisches Lied sang, kamen die Tiere des Waldes, ihrem Lied verzückt zu lauschen. Tirias Zaubergesang berührte die Herzen aller fühlenden Wesen und auch Bäume konnten sich diesem schönen Zauber nicht entziehen. Manchmal sang Tiria auch am Tag, dann drang ihre Melodie durch das Erdinnere bis an die Oberfläche und der dunkle Wald änderte sich, wurde zu einem geheimnisvollen Zauberwald, der von den Menschen geliebt und geachtet wurde.

Eines Tages ritt Prinz Benedikt auf seinem weißen Pferd, Gorian durch den Wald. Gorian hörte Tirias Gesang lange bevor sein Herr ihn zu hören vermochte und wurde magisch von dieser Melodie angezogen. Jeder Versuch des Prinzen, sein sonst treu ergebenes Pferd in eine andere Richtung zu lenken, waren vergebens. Gorian brachte seinen Herrn zum Höhleneingang der Dunkelelfen. Nun konnte auch Prinz Benedikt Tirias Gesang hören. Sein Herz, es schlug gar wild in seiner Brust. Er stieg von seinem Pferd, um noch näher an die Höhle heranzukommen. Verzückt lauschte er den zauberhaften Klängen aus dem Innern der Erde und als der Gesang verstummte, da ergriff Habgier Besitz von ihm. Er wollte diese Melodie besitzen, nichts wünschte er sich sehnlicher, als diesen Gesang mit sich zu nehmen und in sein Schloss zu bringen. Prinz Benedikt rief in die Höhle: „Mädchen mit der schönen Stimme! Kannst du mich hören? Wie ist dein Name?“

Anfangs war es still, dann erklang die Antwort: „Tiria heiße ich.“

„Zeige dich mir! Wenn du von solcher Schönheit bist, wie es deine Stimme ist, so will ich dich zur Prinzessin machen und in mein Schloss holen!“

„Sie ist von solcher Schönheit,...!“, raunten viele Stimmen leise aus dem Erdinnern.

„Eine Dunkelelfe bin ich, die Oberfläche der Erde betrete ich nur nachts. Die Sonne mit all ihrem Licht und all ihrer Macht, verheißt uns Schrecken, wir können sie nicht ertragen!“ antwortete Tiria leise.

Doch der Prinz war es gewohnt, dass man ihm gehorchte: „Ich bin Prinz Benedikt, Herrscher dieses Waldes und allen Lebens in ihm. Ich befehle dir, dich mir zu zeigen!“

Traurig erwiderte Tiria: „Sonnenprinz bist du, Gebieter des Sonnenlichts. Doch ich unterstehe der Nacht und ihrer Mitternachtssonne. Sie allein ist meine Gebieterin. Ihr allein schulde ich Gehorsam.“

Stets hatte der Prinz bekommen, was er wollte. Er kannte nichts anderes und rief energisch: „Kommst du nicht heraus, so komme ich herein!“ Kaum gesagt, kletterte er in die Höhle, tief hinab, so tief, dass er die Hand vor Augen nicht sehen konnte. Er fühlte, dass er nicht allein war, dass er von Vielen umgeben war, doch Angst hatte er nicht. „Willkommen Sonnenprinz, willkommen!“, flüsterte und wisperte es um ihn herum.

„Tiria?“ rief er in die Dunkelheit hinein.

„Hier bin ich, mein Prinz!“, eine zierliche Hand legte sich sanft auf seinen Arm. Er fühlte Tirias Nähe, aber sehen konnte er sie nicht.

„Ich kam zu dir, wollte mich von deiner Schönheit überzeugen, doch sehe ich dich nicht. Nun komm mit mir ins Licht!“

„Ich kann nicht!“, klagte sie traurig.

Prinz Benedikt war von Tiria sehr angetan: „Alles ist aus Sonnenlicht gemacht, ja selbst du kannst in Wahrheit nichts anderes sein, ist die Sonne doch unser aller Ursprung. Deine Mitternachtssonne strahlt in der Nacht, weil sie das Sonnenlicht reflektiert. Es ist das Licht meiner Sonne, die deiner Sonne ihre Schönheit verleiht! So will auch ich für dich die Sonne sein und in meinem Licht möge deine Schönheit sich zeigen, dies ist mein Versprechen, wovor also solltest du dich noch fürchten?“

„Deine Worte berühren mein Herz...“, erwiderte sie angetan: „Von meiner Schönheit hast du dich überzeugt, als du meinen Gesang hörtest, es braucht kein Licht, damit Schönheit sich zeigen kann...“

Prinz Benedikt fühlte überdeutlich Tirias Nähe, schnell griffen seine Arme in die Dunkelheit und umschlangen eine zierliche Gestalt: „So bekomme ich doch noch, was ich will!“, frohlockte er. Flink fuhren seine Hände über die Gestalt. Doch was er fühlte, erschreckte ihn: ein kahles Köpfchen mit vereinzelten Haaren, Augen tief in Höhlen versunken. Eine Nase knochig und krumm, welke Haut und ein Körper weich wie Käse.  Angewidert ließ er die Gestalt los. Für wahr, dachte er bei sich, es ist besser, dass das Sonnenlicht euch nie erblickt. Doch die Dunkelelfen konnten seine Gedanken hören und wichen entsetzt zurück: „Was nützt euch eure Schönheit, Prinz, was nützen eure schönen Kleider und Worte, wenn euer Inneres euch Lügen straft und eure äußere Schönheit zunichte macht...“

Voll Ekel und Abneigung wandte sich Prinz Benedikt um und kehrte in sein Schloss zurück.

Doch wohin er auch ging, was immer er auch tat, sein Herz spielte unaufhörlich die Melodie von Tirias Gesang. Prinz Benedikt wehrte sich mit allen Kräften, aber er schaffte es nicht, das Singen seines Herzen enden zu lassen. In seiner Not beschloss er zur Sonne zu gehen, um ihre Hilfe zu erbitten: „Sonne, Zentrum dieses Lebens,“, so befahl er, „erhöre mich!“

Träge öffnete die Sonne ihre Augen: „Mein Sohn, was führt dich zu mir?“. Prinz Benedikt verneigte sich: „In meinem Herzen tönt ein Gesang, den möchte ich dir geben. Sei mir gnädig und nimm diesen Gesang von mir.“

Die Sonne wurde neugierig. Sie richtete einen ihrer Strahlen auf das Herz des Prinzen: „Diese Melodie ist nicht meine. Ich kann dich davon nicht befreien. Aber ich kenne diese Melodie...“, fügte die Sonne wehmütig hinzu.

„Woher kommt sie?“, wollte der Prinz wissen und die Sonne antwortete: „Vom Mond.“

Da wandte sich der Prinz um und ging zum Mond: „Guter Mond!“, sprach er freundlich, „Höre mich an!“

Der Mond öffnete blitzschnell ein Auge, sprach mit silbrig heller Stimme: „Ich kenne dich nicht, deshalb kann ich dich nicht anhören.“ und verschwand.

„Aber in meinem Herzen spielt deine Melodie!“, rief er dem Mond wütend hinterher. Neugierig geworden zeigte sich der Mond in einer messerscharfen Sichel und richtete einen seiner Strahlen auf das Herz des Prinzen. Dann lachte der Mond: „Dies ist der Gesang meiner Tochter, der Gesang der Liebe, nicht mein Gesang. Ich kann dir diese Melodie nicht nehmen.“

Der Prinz war verzweifelt: „Aber warum denn nicht! Ich kann so nicht leben!“

„Oh nein, mein Prinz, es ist gerade anders herum. Ohne Liebe gäbe es kein Leben, dein Herz weiß das, deshalb spielt es die Melodie unaufhörlich... Nähme ich dir diese Melodie, so würdest du augenblicklich sterben.“

Prinz Benedikt wurde unsagbar traurig: „Was nur kann ich noch tun? Zu wem kann ich noch gehen um Hilfe zu erbitten?“ Und der Mond flüsterte: „Folge dem Gesang deines Herzens und höre auf, gegen dein Herz zu kämpfen.“ Der Mond verschwand.

Nachdenklich kehrte der Prinz in sein Leben zurück und merkte, dass viele Jahre vergangen waren. Seine Eltern waren alt geworden und zeigten sich ihrem Volk nicht mehr. Welk war ihre Haut und der einst jugendlich straffe Körper weich wie Käse. Prinz Benedikt erschrak als er sie sagen hörte: „Für wahr, es ist besser, dass uns das Sonnenlicht nicht mehr erblickt.“ Tränen rollten über sein Gesicht als er sie liebevoll in den Arm nahm: „Es ist das Licht meiner Liebe, in welcher eure Schönheit unvergänglich ist, die Schönheit eures Seins, nicht eures Aussehens.“

„Ach mein Sohn,“, jammerte die Königin, „würdest du mir doch meinen Wunsch erfüllen, dass ich sehen könnte, welche Braut du heimführst, welche einst die Königin dieses Reiches sein wird. Glaub mir, Sohn, es wäre leichter für mich zu gehen...“

„Mein Herz hat eine Braut erwählt, vor langer Zeit, ich kann keine andere wählen, solange mein Herz nicht frei ist.“

Prinz Benedikt ließ Gorian satteln und sprach: „Führe mich zu der Höhle, von der ich einst das Lied der Liebe empfing und das ich seitdem in meinem Herzen trage.“ Gorian schnaubte gutmütig und tat, was sein Herr ihm befohlen hatte. Der Wald in dem die Dunkelelfen wohnten wirkte seltsam still. „Tiria!“, rief Prinz Benedikt in die Höhle hinein. Aber es kam keine Antwort.

„Tiria!“, wimmerte er mit all dem Kummer, der in ihm war. Viele Stimmen raunten: „Tiria ist nicht mehr hier. Sie ging fort vor vielen Jahren schon.“

„Sie ging?“ Enttäuschung und Überraschung kämpften in seiner Brust: „Wohin? Warum?“

Die Vielen wisperten: „Vor vielen Jahren schenkte Tiria dem Wald das Lied der Liebe. Auch der Sonnenprinz hörte es und bekam es geschenkt. Tiria verliebte sich in den Sonnenprinzen, doch der Prinz, er glaubte seinen Händen mehr als seinem Herzen und kam nie wieder...“

Prinz Benedikt jammerte: „Und dann? Was geschah dann?“

„Tiria glaubte an die Schönheit des Prinzen, an die Schönheit in seinem Herzen, nicht an die Hässlichkeit, die sich durch seine Gedanken offenbart hatte. Ihre Liebe wurde stärker als ihre Angst, das Sonnenlicht könnte sie töten und so kehrte sie an die Oberfläche der Erde zurück.“

„Aber wo ist sie nur?“, flehte der Prinz und eine Träne rann aus seinen Augen, „Unaufhörlich ist dieser Gesang in meinem Herzen und lässt mich nicht zur Ruhe kommen, keinen Frieden finden...“

„Ich bin hier!“, hauchte Tiria, „Es ist meine Melodie, die dein Herz singt, so wie du es dir wünschtest, als du mein Lied zum ersten Mal hörtest...“

Prinz Benedikt wirbelte herum: „Wo bist du, ich kann dich nicht sehen! Zeige dich mir!“, befahl er.

Traurig antwortete Tiria: „Dem Prinzen schulde ich keinen Gehorsam, nur dem Herzen, denn das Herz ist der König.“

Prinz Benedikt sank auf die Knie und senkte den Kopf: „Verzeih mir Tiria, ich war anmaßend, selbstgerecht und blind! Ich möchte mein Versprechen einlösen, das ich dir in Liebe gab: so will auch ich deine Sonne sein, in der deine Schönheit sich spiegeln möge.“

Dem Prinzen war einerlei, was seine Hände in der Höhle gefühlt hatten, er war bereit Tiria so zu lieben, wie es  sein Herz beschloss.

„Aber mein Prinz,“, sprach Tiria über ihn geneigt,... die Sonne ging gerade unter und als Prinz Benedikt aufblickte, konnte er Tirias anmutige, schimmernde Gestalt mit all ihrem Liebreiz sehen.

„Mein Prinz, es braucht kein Licht, damit Schönheit sich zeigen kann. Im Licht der Sonne sind wir Elfen für das menschliche Auge unsichtbar, nur in der Dunkelheit können Augen uns schimmern sehen...“

„Du bist wunderschön!“, bewundernd glitten seine Blicke über ihre Gestalt, „...was aber hielt ich einst in der Dunkelheit umschlungen?“

Tiria lächelte bezaubernd: „Dich!“

„Uns Elfen kann man weder zwingen noch missbrauchen.“, wisperten und flüsterten die Vielen.

„Ich ließ dich die Vergänglichkeit berühren, die Vergänglichkeit eurer sterblichen Körper. Mich kann nur dein Herz berühren, nicht deine Hand.“

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, als er sie ergreifen wollte, glitt seine Hand durch die ihre hindurch: „Als Braut wollte ich dich einst heimführen, doch sehe ich nun, dass es niemals möglich war...“, schwer lastete die Bürde der Vergeblichkeit eines habgierigen Strebens auf ihn.

„Ich gehöre zu den Unsterblichen, ein sterbliches Leben kann ich nicht mit dir teilen. Alles, was ich teilen konnte, teilte ich bereits mit dir. Es ist das Lied der Liebe, das alle fühlenden Wesen durch Teilen vereint.“

Prinz Benedikt fühlte wie Hab- und Besitzgier von ihm abfielen, fühlte wie sein Herz frei wurde und das Lied der Liebe zum Lied seines eigenen Lebens machte. So reich beschenkt kehrte er ins Schloss zurück und wurde ein weiser König.

Ende




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ElfLynn lässt ein weiteres Buch für euch da,....  

 

DAS NEBELSCHLOSS ist eine Erzählung nicht nur für Kinder und zum Vorlesen geeignet (meine Kinder haben diese Geschichte damals geliebt), sondern auch Seelenfutter für unsere eigenen Inneren Kinder, die oft im Trubel des Alltags zu kurz kommen... 

Das Nebelschlossaus Nebel verdichtetes Schloss


Die Blau-Blume - Kapitel 1

Über den Rehberg in Papenhausen schwebten lautlos Nebel herab und kleideten den bewaldeten Hügel in geheimnisvolles Schweigen. Unklar verwischten die Umrisse des Mischwaldes, der sich über die Nebelschleier hinaus bis nach Bad Salzuflen erstreckte. Etwas Rätselhaftes fühlte man im Nebel verborgen, als erwachte in milchigen Schwaden eine andere als die bekannte Welt. Feuchtigkeit schmiegte sich kühlend an den Körper und verstärkte den Geruch des Waldes. Fichtennadeln, feuchter Waldboden und das süßliche Aroma welkenden Laubes vermischten sich zu einer herbstlichen Sinfonie der Düfte. Kühle und Stille des Nebels beruhigten die Angst, legten sich wie Balsam auf furchtsame Seelen. Bedächtig, Stück für Stück entstand im Nebel ein altes Gemäuer mit spitzen Zinnen rechts und links. Zwischen den beiden Zinnen bildete sich ein großes, rötlich schimmerndes Tor. Von wuchtigen Schlossmauern umgeben, ragte aus dem Innern ein Gebäude mit einem weiteren spitz zulaufenden Turm. Wie das prächtige Tor, zeigten jetzt auch die spitzen Turmkappen einen zart rötlichen Hauch. Dies war das Nebelschloss, von dessen Existenz kaum ein Mensch wusste. Es war aus Nebel erschaffen und nur im Nebel konnte man es sehen. Gleichwohl war diese Nebelburg ein Feenschloss, denn hier lebte Rondalee die Fee.

 Sie war die Herrin des Nebels und aller Nebelgeister. Sie konnte die Nebel rufen und sinken lassen, wann immer sie wollte und mit dem Nebel erschien ihr Schloss. Ihr Hofstaat bestand aus vielen Fabelwesen. Einhörner waren in den Stallungen untergebracht und wurden von Elfen versorgt. Wichtel und Gnome kümmerten sich um die sonderbarsten Wesen. Geschöpfe, die in der Menschenwelt noch keinen Namen hatten, weil sie noch nicht erfunden waren. 

Jedes dieser Fabelwesen war auf seine Art einzig und besonders. Unter den Einhörnern gab es eines, dass sich nur nach Sonnenuntergang zeigte. Nachts schritt es majestätisch durch das Nebelschloss und oft jagte es in wildem Galopp hinaus. Die außergewöhnliche Macht in ihm ließ es von Innen heraus leicht schimmern, so dass sein Fell irisierte wie das Mondlicht und von einem Hauch Blau schillerte wie ein Opal. Zwischen seinen Augen ragte ein funkelndes, silbernes Horn. Auch Mähne und Schweif waren von silbrigen, glänzenden Fäden durchzogen. Seidig silberne Wimpern schimmerten über sanftmütige, braune Augen. Dieses Einhorn war etwas Besonderes, weil es der Traumprinz war. Er besuchte die Menschen in ihren Träumen und vermochte sie ins Nebelschloss einzuladen.

An diesem Nachmittag im November wurde die Stille des Rehbergs von heiteren Kinderstimmen unterbrochen. Ein siebenjähriger blonder Junge und seine zwei Jahre jüngere rothaarige Schwester kamen in den Wald, um nach Moos und Tannenzapfen zu suchen. Sie wohnten ein paar Meter vom Wald entfernt in einem weißen Haus mit blauen Fensterrahmen, das allein zwischen den Feldern stand. Es hatte keine Hausnummer, denn auf der Straße Düsternsiek gab es kein anderes Haus. Tobias und Nora wollten mit Moos und Tannenzapfen etwas für ihre Eltern basteln. Tobias stimmte ein altes Kinderlied an: "Pubs und Spinneken, Pubs und Spinneken gingen in den Wald..." Nora gluckste vor Lachen und sang mit: "... da wurden dem Pubs, da wurden dem Pubs die Beene kalt." Beide Kinder mussten jetzt lachen und Tobias sang weiter: ".... da macht det Spinneken, macht det Spinneken Feuer an" und Nora ergänzte: "... damit der Pubs, damit der Pubs sich wärmen kann." Glücklich und lachend waren sie auf der Jagd nach den schönsten Zapfen  tief in den Fichtenhain hineingekommen. Vereinzelt krochen Nebelschwaden zwischen den Tannen, zart dunstig und verspielt. Die Kinder kannten sich im Wald gut aus und vor dem Nebel hatten sie keine Angst. Wussten sie doch, dass er auf dem Bergkamm am dichtesten sein würde, aber nicht hier am Fuß des Rehbergs. Plötzlich fanden sie im dichten Tannenwald eine kleine Lichtung, die sie nie zuvor gesehen hatten. Die Lichtung war mit Gras und roten Pilzen bewachsen. Einer von ihnen fiel durch seine Größe auf. 

Wichtelhausin einem Fliegenpilz lebt ein Wichtel


Er hatte eine leuchtend rote Kappe, bespickt mit weißen Tupfen. Nora wusste, dass die rotkappigen Pilze giftige Fliegenpilze waren. Dieser rote Pilz war so groß wie eine Suppenschüssel und als sie sich neugierig näherte, erkannte sie winzige Fenster und eine Tür. Sie wusste sofort, was sie gefunden hatte.

WichtelhausDas Zuhause von Wuyck


„Schau mal!“, rief Nora ihrem Bruder begeistert zu, „da ist ein Wichtelhaus.“

„Wenn wir ganz leise sind,“, tuschelte sie, „könnten wir einen Wichtel fangen. Er wird uns einen Wunsch erfüllen müssen, damit wir ihn wieder frei lassen.“

Tobias nickte stumm. Er war sich nicht sicher, ob es Wichtel wirklich gab und ein wenig beneidete er seine kleine Schwester um ihre Gutgläubigkeit. Zu gerne wollte auch er glauben, ach, wenn er doch nur einmal einen einzigen Wichtel sehen würde... Sie legten sich auf die Lauer. Es dauerte nicht lang, da kam tatsächlich ein winziges Wichtelmännchen aus dem Pilz und noch bevor Tobias vor Überraschung oder Schreck erstarren konnte, griff er blitzschnell zu. Der Wichtel war so klein, dass er in Tobias Kinderhand verschwand und nichts mehr von ihm zu sehen war. Dafür konnte er um so lauter schimpfen:

„Hilfe! Du grober Kerl, du zerdrückst mich ja!“, schimpfte der Wichtel in seinem Gefängnis.

Vorsichtig öffnete Tobias seine Hand, hatte er wirklich einen Wichtel gefangen? Erst jetzt setzte das Staunen und die Überraschung ein. Nora war stolz auf ihren Bruder, der so schnell reagiert hatte. Sie hüpfte vor Freude und Aufregung. Tobias konnte den kleinen Wichtel jetzt sehen und von diesem Augenblick an, würde er nie wieder an die Wirklichkeit der Wichtel zweifeln.   

Der Winzling kauerte in der kleinen Kinderhand, kaum größer als eine Haselnuss, zusammengekauert wie er da saß. Seine kleinen Ärmchen umschlangen seine Füße, dass nur die zu groß wirkenden schwarzen Schuhe hervorstachen. Er trug eine violette Zipfelmütze, einen roten Pullover und eine ebenfalls violettfarbene Hose mit Trägern. Den Kopf hatte der kleine Wichtel gesenkt, so dass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Tobias war beeindruckt,  Angst hatte er nicht. Vorsichtig hielt er seiner Schwester die Hand hin, damit sie den kleinen Kerl auch sehen konnte.

Nora war überrascht, sie wisperte: „Was für ein kleiner Wichtel du doch bist. So einen kleinen Wichtel habe ich noch nie gesehen.“

Bisher hatte der Wichtel sich nicht bewegt, nur geschimpft. Er hatte keine Angst vor den Kindern, warum auch. Er war ein Wichtel und kein scheues Reh! Wichtel kümmerten sich nicht um Menschen, aber sie fürchteten sie auch nicht. Die Menschen scherten sich nicht um Wichtel und Wichtel scherten sich nicht um Menschen. So war das eben. Ganz einfach. Jetzt sprang er auf seine Füße, reckte sich und stellte sich auf die Zehenspitzen, damit er größer wurde.

„Ich bin Wuyck!“, sagte er voller Stolz, „der kleinste Wichtel auf der ganzen Welt, aber auch der schlaueste.“

Tobias und Nora lächelten. Sie mochten den kleinen niedlichen Zwerg. Wuyck zog nachdenklich seine winzigen Augenbrauen hoch: „Wieso habt ihr mich gefangen?“, wollte er gebieterisch wissen.

„Oh,“, plauderte Nora, „wir möchten, dass du uns einen Wunsch erfüllst.“ Etwas strenger fügte sie hinzu: „Erst dann lassen wir dich wieder frei!“

Wuyck kicherte und machte sich blitzschnell unsichtbar und gleich darauf wieder sichtbar. Dann feixte er: „Niemand kann einen Wichtel fangen und behalten, wenn der Wichtel das nicht will!“

„Ja, aber wieso hast du dich dann fangen lassen?“

Wuyck erkannte schnell, dass er die beiden mit seiner gebieterischen Stimme nicht einschüchtern konnte. Die Kinder mochten ihn und das war gut. Er gluckste vor Lachen: „ Ich habe gehört, was ihr geflüstert habt. Also wusste ich, dass ihr vor meinem Häuschen warten würdet. Ich bin heraus gekommen und habe mich fangen lassen, weil heute ein ganz besonderer Tag ist. Heute kann man das Nebelschloss sehen und im Schlossgarten, da wächst eine ganz besondere Blume. Ich brauche diese Blume. Aber ich kann sie nicht pflücken. Sie behält ihre Zauberkraft nur, wenn eine Kinderhand sie pflückt.“

„Was soll das für eine Zauberblume sein? Und wo soll dieses Schloss stehen?“, fragte Nora skeptisch.

Wuyck war bereit, den Weg zu zeigen. Aber er wollte zuerst das Versprechen, das Ehrenwort, dass eines der Kinder die Zauberblume pflücken würde. „Immerhin“, erklärte er geheimnisvoll, „in das Nebelschloss geholt zu werden in den Träumen ist etwas anderes, als es wirklich zu sehen oder gar ohne Einladung der Schlossherrin hinein zu marschieren“. Es war nicht ungefährlich, das wusste Wuyck. Die Kinder jedoch würden dies nicht wissen, dachte Wuyck, sie hatten vermutlich noch nie etwas vom Nebelschloss gehört. Tobias war nicht so leicht zu überrumpeln.

„Moment mal!“, entgegnete er ernst. „Bevor wir dir unser Ehrenwort geben, müssen wir wissen, welche Art von Zauberkraft diese Blume hat und was du mit ihr machen willst.“

Magische Blaue BlumeBlau-Blume mit magischen Fähigkeiten

Wuyck kratzte sich am Kopf, dabei verrutschte seine lilafarbene Wichtelmütze. Zu dumm, dass Tobias so schlau war. Wuyck wurde etwas ärgerlich, sah seinen Plan schwinden, wusste nicht genau, ob die Kinder ihm wirklich helfen würden, wenn sie die Wahrheit wüssten. Er seufzte ergeben. Er musste es riskieren, er wollte diese Blume haben, koste es, was es wolle. Also jammerte er: „Herrje! Was seid ihr schwierig. Wieso wollt ihr auch alles wissen? Also gut. Es ist die Blau-Blume. Eine Blume, die das gesamte Wissen der Welt, die Wahrheit enthält. Alles das, was ist, das, was gewesen ist und das, was noch sein wird. Ich bin der einzige Wichtel, der weiß wo diese Zauberblume wächst. Ich will sie haben. Ich muss sie haben. Immerhin bin ich der schlauste Wichtel der Welt, sie steht mir zu. Ich will für immer der schlaueste Wichtel dieser Welt sein.“

Tobias und Nora sahen sich an. Der schlauste Wichtel der Welt wusste doch ohnehin alles, wieso sollte ihm diese Wissensblume nicht zustehen? Tobias zuckte die Schultern. Er konnte daran nichts Verwerfliches erkennen und Nora tat es ihm gleich. Sie versprachen dem schlausten Wichtel der Welt die Zauberblume zu pflücken, wenn er sie nur zum Nebelschloss bringen würde. Sie waren gespannt auf dieses geheimnisvolle S chloss, dem Nebelschloss, noch nie zuvor hatten sie davon gehört. So machten sich die Kinder mit dem kleinsten Wichtel der Welt in der Hand auf den Weg.

Sie mussten einen steilen Hang hinauf. Während der Nebel immer dichter wurde, nahm auch die Kühle und Stille zu. Es gab keinen anderen Weg den Berghang hinauf, so marschierten sie querfeldein durch raschelndes Laub. Sie mussten ihre Hände zum Klettern benutzen und Wuyck kraxelte aus Tobias Hand den Jackenärmel hinauf und kauerte sich auf Tobias linke Schulter. Dort hielt er sich am Zugband der Kapuze fest, damit er den Kindern nicht abhanden kam. Der Waldboden roch würzig, nach nasser Erde und Tannenharz. Nora war erschöpft, der Rehberg war steil und hügelig der felsige Boden. Sie hielt inne, verschnaufte und zupfte an Tobias Jackenärmel: „Da schau! Zwischen den Tannen... Mir scheint, dort ist eine mächtige Burgmauer, ... eine Burg habe ich hier aber noch nie gesehen.“

„Ja, Ja!“, trällerte Wuyck, sich immer noch am Zugband der Kapuze festhaltend, „das Nebelschloss,... das Nebelschloss. Wir sind gleich da. Ich hab euch doch gesagt, man kann es nur im Nebel sehen!“

Mühselig kletterten sie den steilen Berghang weiter hinauf. Kaum waren sie auf der Kuppe angekommen, lichtete sich der Wald und vor ihnen zeichneten sich deutlich die Umrisse eines prächtigen Burgschlosses ab. Der Nebel war hier sehr dicht, beinahe undurchdringlich.

Das NebelschlssAus Nebel gemacht reist es durch die Zeit und kann seine Form ändern

„Kann man da wirklich hinein gehen?“, räusperte sich Tobias unsicher.  

„Ja, ja!“, wiederholte Wuyck seltsam nervös, „das Nebelschloss, das Nebelschloss!“

„Wird es sich nicht auflösen, wenn wir noch näher kommen?“, ängstigte sich nun Nora.  

„Nein! Los jetzt, gehen wir, sonst verschwindet es noch, es bleibt nicht lange an einem Ort...“, drängte Wuyck, „solange wir es sehen können, können wir auch hinein, aber nicht, wenn es sich auflöst, dann reist es weiter.“ Wuyck war sehr beunruhigt und die Kinder hasteten emsig durch das offene, rötlich schimmernde Tor.

Es war seltsam still in diesen dichten, grauen Mauern aus Nebel, geheimnisvoll still und es roch nach Nebel, es roch nach feuchter Luft. Der Nebel hing wie milchige Schleier vor den Augen der Kinder. Am liebsten hätten sie ihn wie Gardinen beiseite gezogen, wenn sie es gekonnt hätten. Wuyck führte sie durch den dichten Nebel in den Schlossgarten. Außer verschwommene Umrisse ließ sich anfangs nichts erkennen. Niemand begegnete ihnen und sie hatten den Eindruck, diese Nebelburg sei unbewohnt. In der Mitte des Gartens, umgeben von bunten Blumenhecken und Gras, das nur schwach im Nebel auszumachen war, stand eine blaue Blume, nicht größer als ein Gänseblümchen.

die blaue Blumenicht größer als ein Gänseblümchen


 „Auch so klein!“, entfuhr es Tobias erstaunt. Wieso waren wichtige Dinge wie Schlauheit, Wahrheit, Wissen nur so klein? Fragte er sich insgeheim, er hätte mit etwas Größerem gerechnet. Die kleine Blau-Blume verströmte einen lieblichen, süßen und betörenden Duft und schimmerte silbrig-blau. Tobias und Nora waren von diesem Anblick verzaubert. Es breitete sich ein wohliges Gefühl in ihnen aus, dass sie glücklich lächelnd, die Zeit vergessend dort standen, um die Blume zu betrachten.

Wuyck zupfte und riss an der Kapuze, als wollte er Tobias wachrütteln: „Das ist sie. Pflückt sie mir, pflückt sie mir doch! Ihr habt es versprochen!“ Nora erwachte aus ihrer Verträumtheit und nickte: „Ja, versprochen ist versprochen!“ Sie ging vorsichtig auf die Zauberblume zu, kniete nieder und konnte sehen, dass zarte Silberfäden, die Blütenblätter durchzogen, wodurch dieses silbrige Schimmern entstand. Selbst der Stängel und die Blätter waren von silbernen Fäden hauchzart umwoben. Nora streckte ihre Hand nach der Blume aus und hielt kurz inne, sie fühlte sich befangen, hatte mit einem Mal Angst, sie könnte der Blume Schmerz bereiten. „Du hast es versprochen!“, flüsterte es liebevoll. War das die Blume? Konnte sie sprechen? Wie von selbst nahm Nora den Stängel zwischen Daumen und Zeigefinger und brach ihn ab. Sofort entstand ein leerer Fleck an dem Platz, an dem einst die Blume gestanden hatte. Es wuchs dort nichts mehr, auch die Reste der Blume waren verschwunden. Tobias und Nora waren irritiert, eine so seltsam leere Stelle, einen so schrecklich öden Ort hatten sie noch nie gesehen. Wuyck hatte sich in der Zwischenzeit von der Schulter über den Jackenärmel, mittels Hosenbein auf den Boden des Gartens gehangelt und flitzte nun zu Nora, die entgeistert auf den vereinsamten Platz starrte und wieder in diese sonderbare Verträumtheit geriet. „Gib sie mir! Gib sie mir!“ forderte Wuyck und sprang wie ein Jojo auf und ab. Wieder wurde Nora aus dieser Träumerei gerissen, lächelte und reichte Wuyck die Blau-Blume. Das kleine Gänseblümchen war für Wuyck riesig. Er zögerte nicht lange, packte ein Blütenblatt nach dem anderen und stopfte es sich in den Mund.

der kleinste Wichtel verschlingt die blaue Blumeder kleineste Wichtel der Welt ist die blaue Blume, die alles Wissen enthält.

„Um Himmelswillen, was tust du denn da?“, fragte Nora entsetzt. Doch Wuyck aß unbeirrt weiter und murmelte zwischen den Bissen mit vollem Mund: „Das siehst du doch!“ Auch Tobias war empört: „Du kannst doch nicht das ganze Wissen der Welt aufessen!“  

Wie sonst hätte Wuyck sich das Wissen einer Blume einverleiben sollen, wenn nicht so? Es war ihm nichts Besseres eingefallen. Es schien ihm, die einzig richtige Möglichkeit zu sein. Nachdem er die Blume aufgegessen hatte, stand er still. Ihm wurde sonderbar, als müsse er noch einmal herzhaft rülpsen.  

Blau-WichtelWyuck, der kleinste Wichtel der Welt, verfärbt sich blau

Aber statt dessen fühlte er, wie sein Gesicht blau wurde, so blau wie es die Blume gewesen war. Ihm schwindelte und er riss die Augen auf, die sich wie Spiralen zu drehen begannen. Auch Tobias kniete nieder, er sorgte sich, was mit Wuyck geschah. Die Geschwister hatten Angst, Wuyck könnte sterben, oder sich übergeben. Der kleine Wichtel sah gar nicht gut aus, sein Gesicht blieb blau. Der schlauste Wichtel der Welt war nun auch noch zu einem Blauwichtel geworden, ebenfalls dem einzigsten Blauwichtel auf der ganzen Welt. Er jammerte: „Was habe ich nur getan? Das habe ich doch nicht gewusst!“

„Was?“, fragten Tobias und Nora wie aus einem Mund.

Wuyck klagte: „Wer etwas vernichtet, muss zurück bringen, was er vernichtet hat. Ich habe die Blau-Blume vernichtet und nun muss ich sie ersetzen.“

Tobias und Nora sahen Wuyck mitleidig an, sie wussten nicht, wie sie den kleinsten Wichtel der Welt, der doch auch der schlaueste war, beruhigen sollten. Es tat ihnen leid, dass sein größter Wunsch ihm nicht das gebracht hatte, was er sich erhofft hatte. Wuyck krümmte sich und hielt sich verzweifelt die Ohren zu, wand sich hin und her, als hörte er etwas, das er nicht länger ertragen konnte. Tobias und Nora hingegen hörten nichts. Wuyck schluchzte: „Habt ihr gewusst, dass die Herzen aller Lebewesen dieser Welt nach der Blau-Blume fragen?“

Traurig schüttelten die beiden ihren Kopf. Zu gerne hätten sie ihrem kleinen Freund geholfen, doch sie hatten keine Idee wie. Wuyck erklärte den Kindern, dass man dieses Flüstern nur mit einem wissenden Herzen hören konnte und er nun, da er die Blau-Blume gegessen hatte, es ständig flüstern hörte, immerzu, unaufhörlich, wieder und immer wieder, die eine alles bedeutende Frage: Lebt die Blau-Blume noch?

„Aber du bist doch der schlauste Wichtel der Welt, du musst dir etwas einfallen lassen.“, riet Nora dem kleinen Freund. Wuyck dachte angestrengt nach, dann sprang er auf und rief laut in den Himmel: „Ihr wollt wissen, ob die Blau-Blume noch lebt? Ein Wichtel kam und aß sie mit Stumpf und Stiel!“

An Wuycks Gesicht konnten Nora und Tobias erahnen, dass er aufmerksam lauschte. Sein blaues Gesichtchen fing auf einmal zu strahlen an, ähnlich dem silbrigen Schimmer, der auch die Blau-Blume umgeben hatte. Wuyck wirkte erleichtert und verriet Tobias und Nora flüsternd, dass das Fragen endlich aufgehört hatte. Kaum ausgesprochen, riss er überrascht die Augen auf und flüsterte fassungslos: „Sie fragen, ob der Blau-Wichtel noch lebt.“

Nora und Tobias kicherten fröhlich: „Ja, er lebt noch!“

Wuyck führte ein kleines Freudentänzchen auf und rief immer wieder fröhlich: „Ja, ich lebe noch!“



"Und wie, mein lieber Wuyck, gedenkst du zurück zu bringen, was du vernichtet hast?“ fragte eine fremde Stimme leise hinter den Kindern. Aufgeschreckt drehten sich Tobias und Nora um, während Wuyck mit ungläubigen Augen über die Kinder hinweg zum Ursprung der Stimme blickte. Da stand die Schlossherrin: Rondalee die Fee! Sie war schlank und menschengroß. Ihr zartes, blasses Gesicht wurde von grünen, mit goldenen Wimpern umrahmten, Augen betont. Ihr Blick war befremdend: in ihren grünen Augen schimmerte eine silberne Pupille. Sie verlieh dem Blick etwas Helles aber auch Unheimliches. Das glatte, schwarze Haar schimmerte bläulich und war von goldenen Strähnen durchzogen. Sie trug ein weißes Kleid gewirkt aus zarten Schleiern und ihre Flügel schillerten silbrig in sanften Regenbogenfarben. Tobias und Nora waren unfähig auch nur einen Mucks von sich zu geben. Wuyck hingegen verneigte sich tief, riss seine lilafarbene Wichtelmütze vom Kopf und flötete:

 „Seid gegrüßt edle Schlossherrin, erlauchte Rondalee, Herrin der Nebel und aller Nebelgeister, schönste aller Blüten...“. Rondalee lächelte sanft angesichts dieser Schmeicheleien, blickte den Wichtel dennoch abwartend an. Wuyck wusste nicht weiter, er zuckte verzweifelt die Schultern. Er hatte die Blau-Blume komplett aufgegessen und keine Ahnung, was er nun machen sollte. Nora bemerkte seine Unsicherheit und stupste ihn freundlich an: „Aber Wuyck, du bist doch der schlauste Wichtel der Welt, warum vergisst du das ständig?“

„Tue ich gar nicht!“, zischelte Wuyck zurück, ließ Rondalee aber nicht aus den Augen.

„Dann benimm dich doch auch so, benutze doch deine Schlauheit!“, tuschelte Nora zurück.

Rondalee nickte: „Sie hat recht, Wuyck. Schlauheit zu besitzen reicht nicht, man muss sie zu nutzen wissen.“

Wuyck schnippte mit dem Finger, ihm war eine Erkenntnis gekommen: er brauchte die Blau-Blume nicht zurück zu bringen, denn sie war in ihm und nicht vernichtet. Das allerdings bedeutete, ihren Platz im Nebelschloss einnehmen zu müssen, solange bis ihm eine andere Lösung eingefallen war. Rondalee nickte gutmütig und ernannte ihn zum Gärtner im Nebelschloss, solange bis ihm eine andere Lösung einfallen würde. Sie blickte Nora und Tobias noch einmal wohlwollend an und gab ihnen den Rat, sich zu beeilen, denn das Schloss begann sich aufzulösen. Es wollte seine Reise fortsetzen. Bevor die letzte Mauer verschwunden war, mussten sie das Nebelschloss verlassen haben. Schafften sie es nicht, würden sie mitreisen müssen. Sie würden aus ihrem jetzigen Leben entschlüpfen, vergessen sein und es bleiben. Rondalees Erscheinung wurde durchsichtiger und  verschwand im Nebel. Tobias und Nora bemerkten, dass es heller geworden war, die Nebel lichteten sich bereits. Kaum noch waren die Umrisse der Gebäude und der Schlossmauern zu erkennen. Deshalb wurde es schwierig, das Tor wieder zu finden, denn sie hatten keine Orientierung mehr. Wuyck jedoch kannte den Weg, er fühlte sich jetzt als ein Teil, ein Mitreisender und auch Mitbewohner des Nebelschlosses und der Nebel konnte ihn nicht mehr in die Irre führen. Schnell und sicher geleitete er Tobias und Nora zum Schlosstor. Ohne zu zögern hasteten die beiden  hinaus und für einen winzigen Bruchteil war Wuyck versucht, das Nebelschloss gemeinsam mit den Kindern zu verlassen. Doch er war an sein Versprechen gebunden, den Platz der Blau-Blume einzunehmen. So, wie er die Kinder an ihr Versprechen gebunden hatte, ihm die Zauberpflanze zu pflücken. 

Tobias und Nora drehten sich noch einmal um. Das Nebelschloss löste sich nun rasch auf. Es entschwand mitsamt dem kleinen Wuyck, der winkend im rötlich schimmernden Tor stand, der neue Gärtner im Nebelschloss und obendrein der schlauste Wichtel auf der ganzen Welt war. 


Rondalee und das Einhorn - Kapitel 2


 

Eine grundlegende Eigenschaft des Nebelschlosses bestand darin, nach dem Verschwinden an völlig anderen Orten und in völlig anderen Zeiten wieder auftauchen zu können. Es vermochte sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft zu reisen. Menschen, die das Schloss ohne Einladung betreten und nicht rechtzeitig verlassen hatten, waren aus ihrem Leben verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Einige von ihnen kehrten nach vielen Jahren zurück und während die Zeit vorangeschritten war, waren diese Menschen unverändert: sie trugen die gleiche Kleidung und hatten das gleiche Alter wie zu der Zeit, als sie verschwunden waren. Im Nebelschloss existierte keine Zeit. Das Gestern, Heute, Morgen stand still in einem ewigen Hier und Jetzt. Deshalb musste das Schloss durch die Zeit reisen, sich durch die Zeit bewegen. Wenn es sich nicht mehr bewegte, wenn es nicht mehr reiste, wenn es still stehen blieb, dann starb alles in dem Nebelschloss und zuletzt das Nebelschloss selbst. Ja, das Nebelschloss war mehr als nur ein Gemäuer aus Nebel, es war selbst ein Nebelwesen, ein Geschöpf des Nebels. Es lebte. Es konnte in der Realität der Menschen sichtbar werden und existierte trotzdem jenseits dieser begrenzten Realität, reiste über diese Realität hinaus. Es hatte eine wichtige Bedeutung in der Menschenwelt, denn es erfüllte große Aufgaben. Im Nebelschloss wurden alle Märchen und Geschichten dieser Welt erfunden, deshalb lebten dort die vielen Fabelwesen, aus den Büchern, selbst jene, die noch nicht erfunden waren, aber in der Zukunft sein würden. Den Menschen einen Aufenthalt im Nebelschloss zu ermöglichen, ohne dass sie sich auflösten wie das Schloss, war die Aufgabe des Traumprinzen. Sein Name war Prinz-der-Träume, er erschien den Menschen im Traum und lud sie in das Schloss ein. Immer dann, wenn es Geschichtenerzähler waren. Alle Geschichtenerfinder dieser Welt waren einst mit dem Nebelschloss gereist, die meisten wussten es nicht mehr, denn das Nebelschloss wollte lange Zeit ein Geheimnis bleiben. Es war Rondalee und  dem Prinz-der-Träume wichtig, dass die Menschen ihre Geschichten für selbst erfunden glaubten. Nur durch den Traum war es möglich, sowohl im Nebelschloss, als auch in der eigenen Realität anwesend zu sein. Rondalee war die Herrin des Schlosses und konnte bestimmen, wann das Nebelschloss an welchen Ort und in welche Zeit es fortreiste. Aber sie musste es nicht bestimmen, dass Schloss glitt auch allein durch die Zeit, denn das war sein Schicksal, seine Bestimmung. Eines konnte nie geändert werden: wann immer das Schloss auftauchte, kam der Nebel, denn aus Nebel blieb es bis in alle Ewigkeit gemacht.   

Rondalee erhob ihre Arme, die Handflächen himmelwärts gerichtet. Es war nötig, das Schloss dieses Mal in die Zukunft aufbrechen zu lassen. Sie bestimmte mit dem tief empfundenen Wunsch ihres Herzens den Ort, außerdem die Zeit und das Schloss wanderte zu Mona, der Enkeltochter von Nora, welche gerade rechtzeitig das Nebelschloss verlassen hatte. Noras Zukunft war eine schwierige Zeit, in der die Phantasie der Menschen düstere Auswüchse angenommen hatte. In den tiefen Kellern und Kerkern des Nebelschlosses wurden die dunklen Fabelwesen gehütet. Sie waren aus der dunklen Phantasie der Menschen entstanden und mussten in Zaum gehalten werden. Auch dies war die Bestimmung des Nebelschlosses und seiner Bewohner: die Hüter dieser Kreaturen zu sein, damit sie in der Menschenwelt nicht allzu großen Schaden anrichteten. In dieser Zeit hatten sich die lichtvollen Phantasiewesen längst von den Menschen zurück gezogen, respektierten den Wunsch der Menschen nach Finsternis und Grauen. Noras Enkeltochter war eine geborene Geschichtenerzählerin, es war ihre Bestimmung und das Nebelschloss musste sie in diese hohe Kunst einweihen. Eine Nacht und einen Tag würde Mona mit dem Nebelschloss reisen, um das Geheimnis zu erkennen, das Rondalee mit dem Einhorn verband. Denn dies war die Prüfung, die es zu bestehen galt. Aber sie musste dem Traumprinzen freiwillig ins Nebelschloss folgen.

Das Schloss landete unbemerkt im Forst Düsterlau, nah dem Ortsteil Berlebeck, der zu Detmold gehörte. Im Märchengrund 10 wohnte und schlief in dieser Nacht Mona, die nicht ahnte, dass das Nebelschloss eigens für sie angereist war. Mona war zwölf Jahre alt und hatte im Gegensatz zu Nora rot-braunes Haar. Sie liebte ihre Großmutter Nora von ganzem Herzen, denn beide teilten eine geheime Leidenschaft: Wann immer sie ungestört beisammen sein konnten, erzählten sie sich die phantastischsten Geschichten. Mona lauschte begeistert, wenn Nora erzählte. Niemand konnte so wundervolle Geschichten erzählen wie ihre Großmutter, schwärmte Mona oft. Aber eine Geschichte erzählte Nora nie. Die Geschichte von Wuyck und der Blau-Blume. Sie hatte es Tobias versprechen müssen, als sie aus dem Nebelschloss entkommen waren. „Das ist unser großes Geheimnis, das uns immer miteinander verbinden wird,“ hatte er damals verschwörerisch getuschelt. „Du darfst niemandem davon erzählen, hörst du? Niemandem, es ist unser größter Schatz und den dürfen wir nicht verraten. Wenn du darüber sprichst, wird das Nebelschloss nie wieder erscheinen, glaub mir und wir werden Wuyck nie wieder sehen.“ Nora war damals zutiefst verängstigt, weil sie ihren Bruder zu keiner anderen Zeit so aufgewühlt erlebt hatte. Sie hatte ihr Versprechen gegeben, ihr Ehrenwort und war daran gebunden. In den folgenden Jahren waren Tobias und sie liebevoll mit einander verbunden geblieben, und jeder konnte sich auf den anderen verlassen. Als Mona geboren war fühlte Nora eine geheimnisvolle, ihr seltsam bekannte Welt, die durch ihre Enkeltochter in die sichtbare Realität fließen wollte. Hoffnung und Zuversicht keimten seit jener Zeit in Nora: eines Tages würden die lichtvollen Phantasiewesen zu den Menschen zurück kehren.

Lautlos öffnete sich das sanft rot schimmernde Schlosstor und der Traumprinz stürmte in wildem Galopp hinaus. Silberne Funken sprühten von seinen Hufen, die vom Nebel sofort geschluckt wurden. Dann erhob er sich für kurze Zeit in die Lüfte und löste sich rasch auf, um in Monas Traum aufzutauchen.  

Nur in diesem Tempo war es dem Traumprinzen möglich, in die Träume der Menschen zu gelangen, denn die Träume der Menschen bewegten sich schneller als ihre Realität.

Mona lächelte im Schlaf. Noch nie hatte sie von einem Einhorn geträumt, aber sie hatte tief in ihrem Herzen beharrlich an die Existenz der Einhörner geglaubt. Immer schon war es ihr innigster Wunsch, eines Tages einem Einhorn zu begegnen und ja, auch wenn dies nur in ihren Träumen geschehen konnte, auch das war ihr recht. Großmutter hatte ihr erzählt, dass man Einhörner nicht ohne weiteres berühren durfte, das lag ganz im Ermessen dieser kostbaren Wesen. Deshalb bat Mona den Traumprinzen, ihn berühren zu dürfen. Der Prinz-der-Träume nickte wohlwollend. Vorsichtig streckte sie ihre Hand nach diesem wunderschönen Geschöpf aus und der Traumprinz kam ihr einen Schritt entgegen. Sein Fell fühlte sich seidig weich an. Es roch seltsam vertraut. Mona überlegte woher sie diesen Geruch kannte, den sie von Zeit zu Zeit gerochen hatte. Dann erinnerte sie sich: das Einhorn roch wie Nebel, so unbeschreiblich und einzigartig nur Nebel roch.

„ Komm geh mit mir,...“ sanft melodisch, war seine Stimme, „ich bringe dich in mein Schloss. Fürchte dich nicht, kein Leid wird dir geschehen, gehst du mit mir..., komm, es ist Zeit.“

Mona berührte das Einhorn an den Nüstern. Sie spürte den kühlen Atem dieses Wesens und war überrascht. Kühl und feucht, wie Nebel, der sich auf die Haut legte, sanft und beruhigend. Gleichzeitig weich und voller Zärtlichkeit waren seine Nüstern. Mona dachte an ihre Großmutter und entschied inbrünstig, überall hinzugehen, wohin dieses wertvolle Geschöpf sie führen würde. Kaum war sie sich dieser Gedanken bewusst, saß sie auf seinem Rücken und fand sich im Garten ihres Elternhauses wieder. Es war tiefe Nacht und Nebel quoll lautlos aus dem Wald in die kleine Siedlung, die aus gerade mal 10 Häusern bestand. Langsam und bedächtig setzte das Einhorn sich in Bewegung, schritt geradewegs auf den Wald zu, in dem Mona seit ihrer Kindheit gespielt hatte.  Mona liebte ihr zu Hause und sie mochte den Namen ihrer Straße ‚Im Märchengrund’. Es war so passend, dass sie Im Märchengrund von einem leicht schimmernden Einhorn in den Wald Forst Düsterlau getragen wurde. Je näher sie dem Wald kamen, um so dichter wurde der Nebel und obgleich Mona nur ein Nachthemd trug, fröstelte sie nicht. Feucht und kühl umringten sie nun die Nebelschleier. Es duftete nach harzigen Tannen und feuchtem Waldboden. Mona liebte diesen Wohlgeruch. Die Tritte des Einhorns wurden von den wie ein Teppich sich ausbreitenden Fichtennadeln verschluckt. Die ersten Blätter fielen und kündeten vom nahenden Herbst. Der Wald war still, als schliefe auch hier alles und der Nebel bekleidete das Schweigen mit milchigen Schleiern. Mona war sich anfangs sicher, zu träumen. Doch gegenwärtig kam ihr das Geschehen sehr real vor, dass sie nicht mehr sicher war, ob sie träumte oder wachte. Es war feenhaft nachts durch den nebligen Wald zu schreiten. Die Anwesenheit des Einhorns verstärkte dieses Gefühl und gab ihr obendrein Sicherheit und Geborgenheit. Plötzlich tauchten Schlossmauern vor ihren Augen auf, als erschufen sie sich selbst aus dem Nichts. Ein Tor bildete sich, das weit offen stand. Mona war aufgeregt und hielt unwillkürlich den Atem an, als sie die dicken Steinmauern aus Nebel passierten.

Auf dem Rücken des Einhorns ins Nebelschloss













Ein seltsames Glücksgefühl stieg in ihr auf und ihr Herz verströmte eine wohlige Wärme. Als sie vom Traumprinzen abstieg und an sich hinunter sah, schimmerte auch sie leicht im Nebel. Sie staunte, hielt ihren Arm und ihre Hand von sich entfernt in die Höhe, um ihr eigenes Schimmern zu bewundern. Der Prinz-der-Träume schnaubte leise und nickte mit dem Kopf:

„Ja, Mona, das Nebelschloss heißt dich willkommen, es umarmt dich, deshalb dieses Leuchten.“

Mona schaute sich um, eine Welt aus Nebel umfing sie, milchig, verschleiert und doch sichtbar. Der Nebel im Schloss wirkte anders als im Wald. Er war rauchiger, trockener als draußen vor den Schlossmauern. Dennoch verströmte das Schloss eine geheimnisvolle, ehrfurchtgebende Stille. „Lebt denn hier niemand?“, wisperte Mona befangen. „Doch!“, erwiderte das Einhorn leise, „aber es ist Nacht und sie schlafen alle, so wie du auch.“

Mona erinnerte sich, dass sie dies nur träumte. Traurigkeit überfiel sie: „Warum hast du mich hergebracht, wenn ich nicht bleiben kann, wenn alles nur ein Traum ist, der vergeht.“

Vorsichtig kam der Prinz-der-Träume zu ihr und rieb zärtlich seine weichen Nüstern an ihre Wange: „Du wirst eine Weile bleiben dürfen, Mona, wenn du möchtest. Aber es sind nicht nur die Träume, die vergehen, alles vergeht irgendwann.“

Freude keimte in Mona, als sie begriff, dass sie länger bleiben durfte. Sie wollte ihn in ihrer Beglückung umarmen, aber der Traumprinz schüttelte leicht den Kopf: „Höre mir erst zu und dann entscheide. Niemand darf in diesem Schloss bleiben, wenn es sich auflöst und durch die Zeit reist. Wenn du diese Nacht bleibst bis zur nächsten Nacht, werden in deiner Welt fünf Jahre vergangen sein. Weil du aber nur im Traum hier bist, werden die Menschen in deiner Umgebung nichts merken und dein Körper wird weiter wachsen, älter werden. Deiner Seele jedoch werden diese fünf Jahre fehlen und innerlich wird in deinem Leben alles erst fünf Jahre später entwickelt sein. Du wirst fünf Jahre später erwachsen werden und fünf Jahre später als andere wissen, was du wirklich willst und du wirst fünf Jahre länger in der Menschenwelt bleiben müssen, als es dir ursprünglich bestimmt war.“

Gespräch mit dem Einhorn

Mona kniete sich auf einen Mauervorsprung, hörte dem Einhorn andächtig zu und streichelte dabei sanft seinen Rücken während es weiter sprach:

„Es ist an der Zeit, dass eine neue Geschichtenerzählerin ausgewählt wird, die den Menschen die Welt der Fabelwesen zurück bringt. Hier im Nebelschloss wurden alle Märchen, alle lichtvollen Phantasien geboren und hier in diesem Schloss werden die Erwählten vertraut gemacht mit uraltem, geheimnisvollem Wissen. Denn nur hier kannst du das Geheimnis lösen.“

„Welches Geheimnis denn?“, wollte Mona überrascht wissen.

„Mein Geheimnis,“, wisperte der Prinz-der-Träume, „das Mysterium von Rondalee der Fee und dem Einhorn.“  

Mona spürte eine tiefe innere Sehnsucht und gleichzeitig auch Freude, ja, sie wollte Geschichten erzählen, Märchen, Legenden, Sagen weitertragen, schon immer hatte sie diese Leidenschaft mit ihrer Großmutter geteilt. Sie liebte Erzählungen über Fabelwesen, Elfen und Feen, sie berührten ihr Herz, hatten es schon immer getan. Mona legte ihre Hände auf ihre Brust, so wild schlug ihr Herz vor Aufregung und Glück. Sie hatte keine Angst davor, fünf Jahre ihres Lebens herzugeben. 

Es hatte sich angehört, als würden ihr ohnehin diese fünf Jahre zu ihrem Leben hinzugefügt. „Ich will bleiben!“, entschied sie daher mit selig hüpfendem Herzen. Der Prinz-der-Träume nickte besiegelnd. Die Nacht war vorüber, die Zeit des Prinzen aufgebraucht. Er blickte Mona tief in ihre braunen Augen, als könne er ihr damit das Besondere vermitteln dessen sie jetzt teilhaftig werden würde. Mona erwiderte seinen Blick und ihr Herz wusste bereits, was ihr Verstand noch nicht erklären konnte. Das Einhorn stieg im Nebelgewölk auf seine Hinterbeine. Unruhig wurden die Nebelschwaden, seine Umrisse wurden weicher, als vereinigte er sich mit der nebligen Umgebung. Nur sein silbern aufblitzendes Horn zeichnete sich noch einmal klar und deutlich ab.   

Dann war er fort und dort wo er gerade noch gewesen, stand eine Fee mit weit schwingenden Flügeln, die sanft in den Farben des Regenbogens schimmerten. Ihr glattes, langes Haar glänzte wie der Flügel eines Raben. Ihre Stimme war sanft, streichelnd wie der Sommerwind als sie sprach:

„Ich bin Rondalee, die Herrin des Nebelschlosses, die Fee; Herrin der Nebel und die Schwester des Einhorns. Viele Namen gaben mir die Menschen, doch nur einen wahren Namen habe ich als Schwester des Einhorns. Diesen Namen musst du erraten, du musst ihn finden, in deinem Herzen, niemand vom Nebelschloss kann ihn dir sagen, nur dein Herz. Deshalb darfst du alle Fragen stellen, sie dürfen dir alle beantwortet werden. Deine Fragen werden dir die Lösung nicht bringen. Besinne dich, das Herz hat keine Fragen, es weiß – es ist der Verstand, der ständig Fragen stellt und verstehen will, doch der Verstand ist hier nicht des Rätsels Lösung.“ 

Mona schwieg beeindruckt von Rondalees Erscheinung und  Worten. Das Eintauchen in Großmutters Erzählungen hatte sie bisher für unübertrefflich gehalten. Aber diese Erfahrung überbot alles, denn sie begriff sich in diesem Moment als einen dazugehörigen Teil dieser märchenhaften Realität.


Die Bewohner des Nebelschlosses erwachten und der Schlosshof füllte sich mit phantastischen Wesen. Einhörner wurden von Elfen aus den Stallungen geholt, gestriegelt und gefüttert. Wichtel, Trolle und Gnome schleppten Futter und Wasser zu edlen Geschöpfen, von deren Existenz Mona noch nie etwas gehört oder gelesen hatte. Alle grüßten fröhlich und alle kannten Monas Namen. Rondalee lächelte als sie die Freude und das Glück über Monas Gesicht huschen sah. Verzückt betrachtete Mona das geschäftige Treiben und sog alles tief in sich ein, um es niemals zu vergessen. Reine Herzenswonne durchströmte und erfüllte sie mit Entzücken. Die Einhörner neigten freundlich ihre Häupter und Mona entdeckte unter ihnen eines, das zusätzlich Flügel besaß. Es war das einzige Einhorn dieser Art. Als es seine imposanten Flügel ausbreitete, weil es Monas Bewunderung trotz der Entfernung fühlen konnte, da schimpften die Wichtel zänkisch und die zarten Elfen kicherten, weil durch den enormen Luftsog der Flügel, Wichtel, Trolle, Gnome und Elfen durch einander gewirbelt wurden. Elfenkinder umschwirrten Mona, wie kleine kichernde Bienen. Mona lachte. Rondalee beobachtete Mona wohlwollend: „Komm, du solltest etwas essen.“

Mona nickte und folgte der Schlossherrin in das Hauptgebäude.

Angenehme Wärme herrschte im Speisesaal. Dicht und strahlend weiß bildete der Nebel glitzernde Wände. Zur Mitte des Raumes verflüchtigend gab er den Blick frei auf eine festlich hergerichtete Tafel. Vier reich verzierte siebenarmige Kerzenleuchter verzauberten den Raum in sanftes warmes Licht, das von den Nebelmauern irisierend gespiegelt wurde. Der endlos erscheinende Tisch war für zwei Personen liebevoll mit frischem Obst, Säften, Milch und süßem Brot gedeckt. Mona stillte ihren Hunger, dann erinnerte sie sich an die Aufgabe, die Rondalee ihr gestellt hatte. Den wahren Namen finden, grübelte sie beim Essen, aber was ist ein wahrer Name?

„Hat der Prinz-der-Träume einen wahren Namen?“, erkundigte sie sich lernbegierig.

Rondalee saß ihr gegenüber und nahm sich etwas von dem süßen Brot und den Weintrauben: „Ja, er heißt Prinz-der-Träume. Der wahre Name bezeichnet das, was er ist und so heißt er auch. Hier im Nebelschloss nennen wir sie Nebelnamen. Es sind Worte, die das wirkliche Wesen ausdrücken. Verstehst du? Er ist der Traumprinz und heißt Prinz-der-Träume...“

Mona ahnte, was gemeint war, konnte aber nicht erklären, was sie zu begreifen begann. Rondalee half ihr noch ein wenig weiter: „Es gibt viele Einhörner, ja sogar viele Brüder, die die Gestalt eines Einhorns annehmen können, aber es gibt nur einen Prinz-der-Träume.“ Rondalee stand vom Tisch auf und nickte Mona lächelnd zu: „Geh in den Schlossgarten, schaue dir alles an. Öffne dein Herz, lass die Weisheit deines Herzens in deinen Kopf strömen und wie von selbst wirst du heute Abend die Antwort aussprechen können, denn du weißt sie bereits. Wenn du meinen wahren Namen genannt hast, wird der Prinz-der-Träume dich zurück bringen.“

Mona erhob sich ebenfalls, lächelte zuversichtlich und eilte durch das Schloss in den Garten. Bezaubernd und geheimnisvoll war das ganze Nebelschloss, alles auf seine eigene Art und Weise. Im Schlossgarten verebbte das emsige Treiben des Hofes, zarter Blütenduft durchwebte die Atmosphäre. Mona setzte sich auf eine kleine Nebelbank und schloss die Augen, tief sog sie die Luft in ihre Nase, um diesen lieblichen, süßen Geruch der Blüten zu genießen. Die Bank fühlte sich weich und zart wie ein Kissen an. Als sie immer noch verzückt sanft die Augen öffnete, sah sie einen winzigen Wichtel mit einer noch winzigeren Gießkanne  vorbei hasten. Er war so eifrig, dass er Mona gar nicht zu bemerken schien. Mona war überrascht, so einen winzigen Wichtel hatte sie noch nie gesehen und sie sprach ihn an: “Guten Morgen, kleiner Wichtel!“

Abrupt blieb der Wichtel stehen und blickte zu Mona auf, so dass sie sein blaues Gesichtchen erkennen konnte. Er antwortete fröhlich: „Ich bin Wuyck, der kleinste Wichtel der Welt und der schlaueste.“ Mona war überrascht, den schlausten Wichtel der Welt konnte sie jetzt gut gebrauchen. Sicher konnte er ihr helfen, den Nebelnamen zu finden. Ohne dass sie Wuyck gefragt hätte, antwortete dieser: „Nee, kann ich nicht. Ich kann dir nicht helfen zu finden, was du bereits gefunden hast. Dein Herz flüstert die Antwort schon und ich kann die Stimmen der Herzen hören.“

Mona starrte Wuyck sprachlos und ungläubig an. Wuyck frohlockte: „Ich weiß wer du bist, und kenne das Wort, das du heute Abend sagen wirst. Komm mit, ich zeige dir etwas Wichtigeres, denn ich bin es, der deine Hilfe nötig hat, später, wenn du wieder in deiner Welt bist.“

Aufgeregt zupfte er an Monas Nachthemdchen, das sanft um ihre Knöchel wehte. Mona folgte dem kleinsten Wichtel der Welt neugierig. 

Als sie um eine Blumenhecke bogen, sah Mona einen Fleck, der wie ein Schandfleck im ganzen Schloss anmutete. Eine öde, kahle Stelle, einen so furchtbar verlassenen Ort hatte Mona noch nie gesehen. 


Er sah nicht bloß leer aus. Wenn sie ihn betrachtete, fühlte sie das Fehlen von Irgendetwas, das es nicht mehr gab und es tat so seltsam weh. Der Anblick war unerträglich, weil kein fühlendes Wesen hinsehen konnte, ohne gleichzeitig zu spüren, was man sah: Leere, Nichts.

„Das war ich!“, wimmerte Wuyck traurig. Mona kniete nieder und berührte die kahle Stelle vorsichtig. Tränen stiegen in ihre Augen und sie wusste nicht wieso. Erst als sie Wuyck wieder anblickte, ließ der Kummer nach und ein erlösendes Lächeln legte sich liebevoll über ihr Gesicht, als ahnte sie, dass nichts so schrecklich war, wie es aussah. Wuyck trampelte nun mit seinen kleinen Wichtelfüßen auf den Boden wie ein trotziges Kind.

„ Hol mich hier raus, Mona, hol mich zurück, versprich es mir. Bring mich nach Hause zurück!“, platzte unverhofft über seine Lippen.

„Das kann ich nicht, ... ich weiß nicht wie...“, hauchte Mona resigniert.

Wuycks Trampeln wurde ärgerlicher und voller Ungeduld: „Doch du kannst, du wirst, du musst...“, er beendete seinen Wichtelaufstand und stand da, wie ein armer Tropf, schaute mit seinem blauen Gesichtchen Mona so flehentlich an: „BITTE!“, flüsterte er inbrünstig.

„Wenn ich kann, dann mache ich es auch!“, versicherte Mona zärtlich. Wuyck schnäuzte in ein winziges Taschentuch und tupfte sich anschließend damit die Wichtelstirn: „Ja, ja, du kannst, glaube mir. Ich bin ein Teil deiner Geschichte, sonst wären wir uns hier nicht begegnet. Du kannst es jetzt nicht, weil du wahrscheinlich meine Geschichte nicht kennst. Aber wenn du von mir hörst da draußen, in deiner Welt, dann vergiss mich nicht. Erinnere dich an mich und auch daran, dass ich wieder nach Hause will.“ Mona nickte mitfühlend und Wuyck eilte hastig mit seiner kleinen Gießkanne davon. Musste er doch alle Blumen im Nebelschloss gießen und der Tag neigte sich bereits seinem Ende entgegen. 


Mona dachte nach. Lauschte in sich hinein. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie der wahre Name von Rondalee war. Nicht von Rondalee, hörte sie auf einmal eine leise Stimme in sich und erinnerte sich: den wahren Namen der Schwester des Einhorns sollte sie finden. Prinz-der-Träume, der Bruder und die Schwester? In einem jähen Geistesblitz erkannte Mona die Wahrheit. Der Nebelname der Schwester des Einhorns hatte sich offenbart. Aus dem Nichts erscheinend stand Rondalee plötzlich vor ihr. Schwindend wie das Tageslicht war ihre Erscheinung, ihre Flügel nur noch ein Ahnen. Der Nebel wurde plötzlich dichter, umwölkte seidig schimmernd ihre Gestalt. Sie lächelte Mona aufmunternd an, mit jenem bedeutsamen Blick, den auch der Prinz-der-Träume ihr kurz vor seinem Entschwinden zugeworfen hatte. Vor Monas Augen verwandelte sich Rondalee in das Einhorn, im gleichen Augenblick als der Tag endete und die Nacht begann. Bruder und Schwester waren wie Tag und Nacht, zwei Seiten einer Medaille. Wohlwollend schnaubte der Prinz-der-Träume und durchwölkte den ihn sanft umwirbelnden Nebel: „Hast du den Nebelnamen meiner Schwester gefunden?“

Mona nickte wissend und ging begrüßend auf den Prinzen zu. Sanft strichen ihre Fingerkuppen über seine samtigen grauen Nüstern, sein Atem war immer noch kühl und feucht wie Nebelschwaden.

„Der Name deiner Schwester ist Phantasie!“, wisperte sie.  


Ohne eigenes Dazutun saß sie plötzlich wieder auf dem Rücken des Einhorns. Waren denn schon fünf Jahre vergangen? Mona war traurig, sie wollte nicht gehen. Konnte sie nicht noch ein Weilchen mit dem Schloss reisen? Die Antwort darauf fühlte sie selbst. Es war nicht möglich. Sie musste zurück in ihr reales Leben, denn hier träumte sie ihr Leben ohne es zu leben. Sie hob mutig ihren Kopf und überwand die innere Traurigkeit, nahm Abschied vom Nebelschloss und seinen Bewohnern. Wohin Mona auch gehen würde, was sie hier erlebt hatte, würde immer in ihrem Herzen sein und sie begleiten bis ans Ende ihrer eigenen Reise. 


Wyuck - Kapitel 3

Welch ein Glücksgefühl und welch eine Freude hatten Wuyck erfüllt, nachdem er winkend Nora und Tobias verabschiedet hatte. Er empfand tiefe Dankbarkeit, diesen Kindern begegnet zu sein und nun mit dem Nebelschloss reisen zu dürfen. Viele Zeiten hatte er besucht, unzählige Orte gesehen und trotzdem blieb in ihm das Gefühl, vor kurzem erst Tobias und Nora zugewinkt zu haben. Wuyck konnte das Verstreichen der Zeit nicht mehr empfinden, stattdessen nahm er Bewegung und Veränderung wahr. Der einst so glückliche Wichtel veränderte sich. Manchmal überfiel ihn eine merkwürdige Traurigkeit. Die Wahrheit seines Herzens drängte sich immer öfter in seine Gedanken: er war untröstlich, dass er einst die Blau-Blume mit Stumpf und Stiel gegessen hatte.

Als Gärtner musste er jeden Tag die öde Stelle sehen, den leeren Fleck, den die Blau-Blume hinterlassen hatte. Mit jedem Mal wurde dieser Anblick unerträglicher. In seiner Verzweiflung hatte er versucht, andere Blumen dort einzusetzen, doch alle Pflanzen hatten abgelehnt, keine von ihnen wollte stehen und wachsen an einem Platz, der ihr nicht zugedacht war. Wuyck war darüber so tief bekümmert, dass er nachts in den Garten kam, um heimlich zu weinen. Wenn diese Traurigkeit über ihn hereinbrach, fühlte er die Anwesenheit der Blau-Blume nicht mehr, nur noch abgrundtiefe Verlassenheit. Auch der Prinz-der-Träume schritt in dieser Nacht durch den Schlossgarten und seinem Herzen entging das leise Weinen nicht. Vorsichtig näherte er sich dem kleinsten Wichtel der Welt und fragte voller Anteilnahme: „Wuyck, mein kleiner Freund, warum bist du denn so traurig, dass du weinen musst?“

Erschrocken drehte Wuyck sich um, er hatte nicht gewollt, dass ihn jemand beim Weinen überraschte. Schnell wischte er sich die klitzekleinen Tränen mit seinen winzigen Händen fort und seufzte: „Nie hat mich die leere Stelle, die zurück blieb, als ich die Blau-Blume aß, so tief berührt wie in letzter Zeit. Es quält mich immer mehr, was ich einst getan habe.“

Der Prinz-der-Träume schnaubte leise: „Oh, ich verstehe, es ist die Blau-Blume ...“

„Ja,“, schniefte der Wichtel traurig, „ich möchte sie zurück bringen und weiß nicht wie!“

Da lachte das Einhorn leise: „Aber Wuyck, du bist doch der schlauste Wichtel dieser Welt und die Blau-Blume enthält das Wissen der ganzen Welt.“

„Ja.“, unterbrach ihn Wuyck, „Und alles was ich weiß, ist, dass es egal ist, wo oder in wen die Blau-Blume lebt. Es wird sie immer geben. Auf allen Reisen durch die Zeit begegnete mir nichts Neues, nichts Spannendes, nichts, was ich durch die Blau-Blume nicht schon gewusst hätte. Dieses Leben mit all dem Wissen ist so langweilig geworden, denn es gibt keine Überraschungen und keine Abenteuer mehr. Aber da ist noch etwas anderes in mir, etwas, das einst mein eigenes Leben war und das von der Blau-Blume nicht verdrängt wurde Ein Platz in mir, der mir selbst gehört, mein eigenes Leben, und danach sehne ich mich so sehr, denn ich lebe das Leben der Blau-Blume und nicht mein eigenes. Das macht mich so traurig, weil etwas in mir, ungenutzt brach liegt, wie diese öde Stelle im Garten. Diesen leeren Fleck in mir kann ich fühlen. Er drängt sich immer mehr in den Vordergrund bis ich die Anwesenheit der Blau-Blume vergesse. Aber ohne die Weisheit der Blau-Blume ist mir verborgen, wie ich sie wieder zurück bringen kann.“

Der Prinz-der-Träume erklärte dem kleinen Wichtel, warum dies so war. Wuyck hatte keinen Nebelnamen, deshalb war er nur ein Mitreisender, tief in sich selbst verborgen und gleichzeitig gefangen. Die Blau-Blume jedoch hatte einen Nebelnamen, sie gehörte zum Nebelschloss, war ein Teil des Schlosses und konnte das Schloss nicht verlassen. Solange Wuyck keinen Nebelnamen hatte, würde diese Sehnsucht bleiben, denn es blieb möglich, seine Reise mit dem Schloss zu beenden. Es war eine Zeit der Prüfung, in der sich zeigte, wer wirklich ins Nebelschloss gehörte und wer nicht. Aufgrund der tiefen Traurigkeit in Wuyck war offensichtlich geworden, dass der kleinste Wichtel der Welt nicht wirklich ins Nebelschloss gehören wollte. Wuyck hatte Heimweh, er wollte nach Hause. In der ganzen Zeit, war das Nebelschloss nicht zu seinem Zuhause geworden. Wuycks Reise musste ein Ende haben und deshalb verriet der Prinz-der-Träume ihm, wie er bewerkstelligen konnte, dass die Blau-Blume wieder an ihren Platz heimkehrte. Die einzige Möglichkeit war, die Geschichte in der anderen Welt erzählen zu lassen. Nur eine Geschichtenerzählerin konnte sich ausdenken, wie die Blau-Blume wieder an ihren Platz gelangen würde und was immer auch erdacht wurde, würde im Nebelschloss existieren, so wie alle Fabelwesen hier existierten.

Wuyck erschrak, hatte er nicht gestern Nacht mit Mona gesprochen? Und war ihm nicht von selbst herausgeplatzt, dass er wieder nach Hause wollte? Nur eines passte nicht. Die Blau-Blume hatte ihm offenbart, dass alle Fabelwesen an jenem Tag zu den Erzählungen gehörten, die Mona sich ausdenken würde. Resigniert starrte Wuyck auf seine nackten kleinen Wichtelfüße. Die Blau-Blume hatte noch nicht einmal ansatzweise an ihrem Ort gestanden, und das hätte sein müssen, wenn Mona eines Tages, die Geschichte der Blau-Blume mitsamt ihrer Rückkehr erzählen würde. Das Einhorn hatte hellseherische Fähigkeiten und konnte sehr genau wahrnehmen, was in Wuyck vorging. Es antwortete auf die ungestellten Fragen: „Diese Geschichte von Mona ist durch ein Versprechen gebunden, sie ist blockiert. Durch Tobias, der als kleiner Junge seiner Schwester Nora das Versprechen abverlangte, niemals eure Geschichte zu erzählen - niemandem.“

Wuyck erschrak: „Aber wie konnten sie mir das antun, warum verurteilen sie mich zum Tod, was habe ich ihnen denn getan? Hassen sie mich denn so sehr?“

Schnell konnte der Prinz-der-Träume Wuyck beruhigen. Nein, Nora und Tobias hassten den kleinen Wichtel nicht, sie hatten ihn lieb gewonnen. Die Geschwister wussten nicht, dass das Schweigen und Nichterzählen zur Auflösung der Phantasiewesen führen konnte. Ganz im Gegenteil hofften Tobias und Nora, eines Tages den kleinsten Wichtel der Welt wiederzusehen und glaubten, dies erreichen zu können, indem sie dieses Geheimnis für sich allein bewahrten. „Komm!“, forderte der Prinz-der-Träume Wuyck auf, „Klettere auf meinen Rücken, ich bringe dich in Tobias Traum, nur so kannst du den Grundstein legen, dass deine Geschichte irgendwann in der Welt erzählt werden könnte.“

Wuyck war überglücklich. Mutig kletterte er eine Bruchsteinmauer hinauf, die ihn schon dicht an das Einhorn brachte. Dann warf er sich mit voller Wucht von der Mauer, dem Hals des Einhorns entgegen. Er bekam ein paar Strähnen der Mähne zu fassen und hangelte sich wie ein kleiner Käfer auf den Rücken. An den letzten Zipfeln der Mähne hielt er sich fest. Das Einhorn galoppierte los. Es jagte durch das majestätische Tor, Funken stoben von seinen Hufen, wurden vom Nebel sofort verschlungen. Die Konturen der bekannten Welt verflossen, mischten sich, wirbelten wie Streiflichter an Wuyck vorbei und ehe sich der kleine Wichtel versah fand er sich an einem Ort, der ihm sehr vertraut erschien.

„ Das ist Tobias Traum, er träumt ihn oft.“, hauchte das Einhorn, „Noch kann er dich nicht sehen und hören, mich auch nicht. Geh nur ein kleines Stück weit in den Traum hinein, er wird dich hören und sehen können.“

Wuyck blickte sich in diesem Traum um, dann tuschelte er freudig: „Aber das ist ja mein altes Wichtelhaus, ich bin wieder zu Hause, ich bin wieder da!“

„Es ist nur ein Traum, Wuyck.“, mahnte das Einhorn sanft. Wuyck rutschte am Traumprinz hinunter und plumpste auf den Waldboden. Er flitzte zu seinem Wichtelhaus, riss die Tür auf, ging hinein. Es war alles so, wie er es verlassen hatte. Tränen der Freude standen dem kleinsten Wichtel der Welt in den Augen. Endlich war er wieder zu Hause. Dort sein über alles geliebter kleiner Kupferkessel, schnell füllte er ihn mit einem Tropfen Regenwasser, das in einem gewellten Blatt aufbewahrt wurde. Oh ja, einen Tee, den würde er sich auf der Stelle kochen wollen. Und heizen musste er, damit ein leichter Rauch aus dem winzigen Schornstein aufstieg. Alle Freunde im Wald, die er einst zurück gelassen hatte, sollten wissen, dass er wieder da war. Er war so emsig, dass er fast  überhörte, wie sein Name leise gerufen wurde. Neugierig öffnete er die Tür und trat hinaus. Tobias kniete vor dem Wichtelhaus mit Freude und Überraschung in den Augen: „Wuyck, Wuyck, du bist zurück?“

Der kleine Wichtel konnte hinter Tobias den Traumprinzen sehen und wie dieser vorsichtig den Kopf schüttelte. Wuyck hatte seinen geliebten Kupferkessel immer noch in der Hand als ihm bewusst wurde, dass dies nicht wirklich real war. Es war nur ein Traum, Tobias Traum.

„ Nein, ich bin nicht zurück! Du träumst Tobias. Ich kann nicht zurück solange du nicht erzählst, was wir einst erlebt haben. Du hast Nora das Versprechen abgenommen, dass sie niemandem davon erzählen darf und damit hast du uns gebunden....“ Tobias nickte aufgeregt, er hatte es gut gemeint, „aber ich kann nicht zurück, solange es meine Geschichte nicht in deiner Welt gibt...“ Tobias erschrak. Sah er doch die Traurigkeit, die seinen kleinen Freund zu beuteln schien. „Das habe ich nicht gewusst, das habe ich nicht gewollt,...“ stammelte Tobias, „wem soll ich unsere Geschichte denn erzählen?“ Mit einem Mal veränderte sich Tobias Gesicht, es wurde älter, noch älter und viel älter als Wuyck geahnt hätte. Tobias fuhr leise fort: „Ich bin sehr alt geworden, meine Reise ist nun bald vorüber. Lange wird es nicht mehr dauern, mein kleiner Freund.“ Wuyck erschrak. Die Zeit drängte, wenn Tobias nicht mehr in der sichtbaren Welt weilen würde, konnte niemand die Geschichte erzählen. Hastig antwortete Wuyck: „Du musst sie Mona erzählen, sie liebt solche Geschichten.“

Tobias seufzte: „Ja, Wuyck, sie kommt mich besuchen, fast jeden Tag. Ich werde ihr von dir erzählen, versprochen!“

Wuyck nickte, nun wurde es aber wirklich Zeit für seinen Tee. Er winkte Tobias grüßend zu und verschwand in sein Wichtelhaus. Kaum war er an seinem kleinen Herd angekommen, schwankte und wankte das ganze Haus, als würde es gerüttelt und geschüttelt. Wuyck wurde umgeworfen und kullerte durch sein kleines Haus. Am Tischbein konnte er sich gerade eben festkrallen, da plötzlich war alles verschwunden, das Tischbein, der Tisch, der Herd, der Kupferkessel, das ganze Wichtelhaus und Wuyck saß irgendwo auf einer Wiese, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Nur der Traumprinz war noch da und schnaubte leise:

„Tobias ist aufgewacht.“ Das Einhorn senkte seinen Kopf und über die weichen Nüstern wallte die silbern durchwirkte Mähne. An ihr hangelte und kraxelte Wuyck wieder auf den Rücken des Einhorns.

„Festhalten!“, wieherte der Prinz-der-Träume und stieg mit den Vorderhufen rudernd auf seine Hinterbeine, dann drehte er sich um, jagte im wilden Galopp aus dem Traum zurück ins Nebelschloss. Gerade erwachte der Tag und der Prinz-der-Träume verwandelte sich in Rondalee, auf dessen Schulter der kleinste Wichtel der Welt nun saß. Sie bot ihm ihre Handfläche an, damit sie ihn auf den Boden absetzen konnte. Wuyck sprach nicht, vergaß völlig sich zu bedanken. Kaum dass er den Boden des Nebelschlosses berührte, hastete er in den Schlossgarten, doch die Blau-Blume war immer noch nicht an ihren Platz zurück gekehrt. Vielleicht hatte Tobias den Traum vergessen? Es kam vor, dass Menschen sich nicht an ihre Träume erinnerten. Sich seinem Schicksal ergebend nahm Wuyck seine kleine Gießkanne und erfüllte seine Pflichten als Gärtner. Vielleicht musste er sich damit abfinden, dass er von Ewigkeit zu Ewigkeit als Gärtner mit dem Schloss reisen musste. Am Abend überfiel ihn erneut die tiefe Traurigkeit. Die Blau-Blume wollte ihn trösten, doch Wuyck stampfte wütend mit seinem winzigen Fuß auf: „Verschwinde, verlass mich! Ich will dich nicht mehr. Kehre an deinen Platz zurück!“ Die Blau-Blume in ihm verstummte für immer. Wuyck merkte nicht, dass er die von allen fühlenden Herzen gestellte Frage, ob die Blau-Blume noch lebt, nicht mehr hören konnte. Als er am nächsten Tag den Schlossgarten betrat, da stand die Blau-Blume wieder an ihren Platz. Sie schüttelte ihre filigranen Blätter, als plusterte sie sich ein wenig auf:

„Monas Herz hat sich an dich erinnert, als Tobias ihr von mir, dir und dem Nebelschloss erzählte. Sie hat dich nicht vergessen und tief in sich aufbewahrt, dass du wieder nach Hause möchtest. Sie hat ein Buch geschrieben, in ihm steht, dass du die Zauberformel sprichst: kehre an deinen Platz zurück! Und sieh da! Hier bin ich.“


Wuyck ließ die Gießkanne fallen. Rannte auf die Blau-Blume zu, umarmte sie ungeschickt. Hielt dann eines ihrer Blätter in der Hand und krächzte unter Tränen: „Du wirst mir fehlen, aber jetzt bin ich frei, kann ich jetzt nach Hause zurück?“

Rondalee erschien achtunggebietend im Garten und beantwortete seine Frage: „Du kannst in die andere Welt zurück auf zweierlei Art. Du kehrst zurück in die Vergangenheit, zu deinem alten Zuhause und alles, was du hier erlebt und gelernt hast ist vergessen... oder ...du kehrst in die Zukunft zurück, in eine andere Zeit, aber immer noch der Rehberg in Papenhausen, obgleich ein wenig verändert durch die vergangenen 70 Menschenjahre. Dein altes Wichtelhaus wurde marode in den Jahren und existiert nicht mehr. Aber du behältst deine Erinnerung an alles, was du hier erlebt und erfahren hast...“

Wuyck sinnierte, welche der beiden Möglichkeiten die Richtige war. Wehmütig dachte er an seinen kleinen Kupferkessel, den er so geliebt hatte und sein altes Wichtelhaus, dass er so gemütlich eingerichtet hatte. Er kam zu dem Entschluss, sich die Erfahrungen und das Wissen zu bewahren. Oh ja, er war der schlaueste Wichtel der ganzen Welt, denn er begriff, dass dies die einzige Möglichkeit war, wirklich nach Hause zu kommen: Kehrte er in die Vergangenheit zurück, würde sich alles wiederholen. Er würde wieder ins Nebelschloss kommen wollen, um sich das Wissen der Blau-Blume einzuverleiben. Nein, davon hatte er genug. Er war dankbar für alles, was er erlebt und erfahren hatte. Am schönsten war jedoch die Freude, wieder nach Hause zu dürfen, denn dort war sein Platz. Er wollte nicht mehr an einen Platz stehen, der ihm nicht gehörte. Er war endlich zufrieden mit seinem Wichteldasein und wollte auch nichts anderes mehr sein. Rondalee nickte freundlich, aber auch bestimmt:

„Ja Wuyck, deine Entscheidung ist klug. Nun hast du deinem Ruf, der schlauste Wichtel zu sein, alle Ehre gemacht. Lauf nun, mein kleiner Freund, das Nebelschloss wird dich nie vergessen. Das Tor öffnet sich für dich.“

Wuyck zögerte nicht eine Sekunde. Beobachtete er doch, dass die Nebel sich lichteten und das Schloss zu einer weiteren Reise aufbrach. So schnell er konnte rannte er zu den Burgmauern. Er zweifelte keinen Augenblick und durchquerte das Schlosstor. Dann drehte er sich um und winkte den letzten sich auflösenden Nebelschwaden hinterher.  


Ende







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